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Karl Polz, Frauental © Peters

Rundholz-Exporteure am Pranger

Ein Artikel von Administrator | 10.11.2002 - 08:06
Gewaltige Schüsse vor den Bug erhielten die Exporteure mitteleuropäischen Rundholzes im Rahmen des Asiengeschäftes. Anlässlich der 51. Interlaub, veranstaltet am 8. November vom Verband der Säge- und Holzindustrie Baden-Württemberg VSH in Offenburg/DE, ereiferte sich Österreichs Sprecher der Laubholzsäger, Karl Polz, Geschäftsführer von European Hardwood Production EHP, Frauental, vor 80 Teilnehmern über „marktpolitische Analphabeten und Plebejer”.Veredelung verspielt. 600.000 fm allein während der vergangenen 12 Monate nach China exportierten Buchen-Rundholzes, dort zu 420.000 m³ Schnittholz entsprechend 15.000 Containern aufgearbeitet, gingen der Sägeindustrie Mitteleuropas während dieses Zeitraumes bereits verloren. Darüber hinaus sei nicht nur exportiert worden, sondern auch noch geringe Qualitäten zu niedrigen Preisen.
Solches Verhalten bringe die Laubholzsäger in die schwerste Krise, wenn Geld gebende Banken ihre Bedingungen verschärfen: „Auf einen Business-Plan kriegen Sie heute keinen müden Euro.” Besonders in Rage brachte Polz, dass von den Angesprochenen niemand zur Tagung erschienen und damit zur Diskussion bereit war.
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Karl Polz, Frauental © Peters

Dirigismus oder freie Marktwirtschaft? Polz hofft auf das Entgegenkommen großer Forstverwaltungen und schlug für die kommende Einschlagsaison deutliche Anpassungen bei Preisen und Mengen zwecks Marktentlastung vor. Auch über Gespräche mit Gewerkschafts- oder Umweltverbänden denkt er nach: „Rundholzexport ist ab sofort ein Geschäft, bei dem man nicht sicher sein kann, am nächsten Tag in der Zeitung zu stehen”.
Dennoch biete Asien für bereits Veredeltes gewaltige Chancen: So wachse allein der chinesische Markt für Holzböden jährlich um 8% bis 10% zu, ähnlich dynamisch der Möbelsektor. Zuvor müsse kurzfristig das Image der Buche als hochwertiges Produkt zurückgewonnen werden.Auf dem Weg in eine historische Dauerkrise? Die französischen Nachbarn fanden zum Thema Rundholzexport nach Osteuropa und Asien ähnliche Worte: Um die „Afrikanisierung der europäischen Laubholzwirtschaft” zu verhindern und den „Standort Heimat” gerade auch für Kinder und Enkel zu schützen, bedürfe es politischer Maßnahmen.
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René Maechler, Soufflenheim/FR © Peters

In Frankreich gerät das Laubschnittholz unter erheblichen Druck: Die Insolvenz des mit 400 Mitarbeitern größten Laubholzverarbeiters, der Lefebvre-Gruppe Anfang Juli, löste Panik aus. Nach Rettungsversuchen laufe das Unternehmen jetzt mit halber Kapazität. Die wenigen verbliebenen Laubholzsäger arrangieren sich nun mit verlängerten Zahlungsfristen, Kreditbewilligungen und lebten von alten Rundholzbeständen.
René Maechler, Soufflenheim/FR, Vizepräsident des französischen Sägewerksverbandes FNB und Vizepräsident der Europäischen Sägewerksverbände EOS, prognostizierte den französischen Buchensägern ein „Sabbat-Jahr” - andere müssten „mit zeitweiligem Stillstand” rechnen. Der Rückgang des Laubholzbedarfs in Europa um 2,6% bis 2,7% treffe besonders französische Laubholzsäger - deren Anteil an der Produktionskapazität innerhalb der Europäischen Union betrage satte 40%. In Krisensitzungen von VDS und EOS wurde unter anderem beschlossen, die Forstwirtschaft von einer deutlichen Reduktion des Einschlags der begonnenen Saison zu überzeugen.Wanderung nach Osten. Auch Deutschland scheint ergriffen von herbstlicher Depression: Hanspeter Haas, Bruchsal/DE, stellvertretender Präsident des Verbandes baden-württembergischer Säge- und Holzindustrie VSH, berichtete von weiter rückgängiger Produktion, wachsenden Schnittholzlagern und enormem Preisdruck auf alle Buchen-Schnittholzsortimente.
Während die deutsche Möbelindustrie sinkende Umsätze verzeichnet, wandert die verarbeitende Industrie nach Osteuropa ab und kauft benötigte Rohstoffe auch dort ein. Den Export von Laubschnittholz bezeichnete Haas als „kräftig” - bis auf Buchenschnittholz - dessen Absatz nach Spanien und Großbritannien sei „zusammengebrochen”.
In China konkurriere exportiertes Buchen-Schnittholz mit dort aus exportiertem Rundholz erzeugter Ware - allein 2001 gelangten 330.000 fm deutsches Buchen-Rundholz in das Reich der Mitte.
Deutschlands marode Staatsfinanzen werfen zusätzliche Schatten voraus: Haas zitierte aus dem Herbstgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute. Demnach führen Pläne der rot-grünen Koalition, Steuern und Abgaben zu erhöhen, zum „Gegenteil dessen, was wachstumspolitisch geboten ist”.Flexibel reagiert. In der anschließenden Podiumsdiskussion zeigte MR Meinrad Joos, Leiter des Holzreferates der baden-württembergischen Landesforstverwaltung, deutliches Entgegenkommen: Während der aktuellen Saison werde der Einschlag hier auf 70 bis 80% reduziert.
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Dr. Achim Peer Brucker, Stuttgart/DE © Peters

Angesichts leerer deutscher Renten-, Sozial- und Krankenkassen, die neue Arbeitsplätze als Schlüssel zum Wachstum verhinderten, fragte sich VSH-Hauptgeschäftsführer und Moderator Rechtsanwalt Dr. Achim Peer Brucker: „Wieviel volkswirtschaftliche Verantwortung haben wir?” Dirigismus als Lösung der Exportfrage lehnte er ab - die wirksamen Gesetze freier Marktwirtschaft müssten dies regeln.Strohhalme oder Lichtblicke? Stimmen aus dem Auditorium boten verschiedene Vorschläge an: So solle Rundholz nur noch zu hohen Preisen exportiert werden - daraus in Asien erzeugte Produkte seien hier nicht mehr konkurrenzfähig.
Auch eine eigene Weiterverarbeitung anfallender Koppelprodukte als vertikale Integration sowie neue Zellstoffwerke für Laubholz wurden angedacht. Konzeptionell überzeugender schienen dagegen Bruckers „Marktallianzen”: Es gelte, Wünsche des Kunden zu erkennen und „nach rückwärts” abzuleiten. Dieses strategische Vorgehen erfordere den Verzicht auf alle Tabus zwischen den Marktpartnern.Holz auf Knopfdruck. Als Vorreiter einer solchen Entwicklung könnte sich die Landesforstverwaltung Baden-Württemberg erweisen: Diese bietet ihren Kunden bereits jetzt den „Einschlag auf Bestellung” an. Über entsprechende Infrastruktur, basierend auf digitaler Inventur sowie einen durchgängigen Datenfluss entlang der Logistikkette dürften bisher allerdings nur wenige, fortschrittliche Forstverwaltungen verfügen.