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© Ziegler Group

Ein Jahr Ziegler-Insolvenz

Die Ausnahme-Pleite

Ein Artikel von Gerd Ebner | 03.12.2025 - 08:02

Den Schaden haben die geldgebenden Banken, aber faktisch auch alle anderen Holzunternehmen. Letztere müssen seit einem Jahr ihren Hausbanken erklären, ob es ihnen so schlecht geht wie „dem Ziegler“.

Alleineigentümer entscheidet alles

Der Fall Ziegler hat im Kern nichts mit den Herausforderungen der Holzbranche zu tun, sondern ist das Ergebnis der Selbstüberschätzung einer einzelnen Person. Dass der Eigentümer alles entscheidet, ist klar und richtig für ein Familienunternehmen mit wenigen Dutzend Mitarbeitern. Es kann fatal enden, wenn man diese Struktur noch für 3200 Mitarbeiter gilt. Der Untergang ist vorprogrammiert, wenn es am Ende 40 Unternehmen in über einem Dutzend Branchen sind – viele weit entfernt vom Kerngeschäft.

Bei der Ziegler Group gab es nicht ansatzweise eine Organisationsstruktur, die der Komplexität und Größe des Unternehmens entsprochen hätte. Alle Entscheidungen für 40 Unternehmen wurden von einer Person getroffen: Stefan Ziegler. „Wir diskutierten tagelang, dann kommt Stefan rein, hört sich das fünf Minuten an und trifft seine Entscheidung“, wurde von einem Beteiligten die 150 Mio. €-Investition in das Holzfaser-Dämmplattenwerk geschildert. Was damals noch als Anzeichen für ein genial schnelles Urteilsvermögen erzählt wurde, erscheint nun in einem gänzlich anderen Licht. Viele andere hätten eine mehrmonatige Due Diligence durchgeführt, die der Eigentümer dann intensivst ohne Zeitdruck prüft.

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Stefan Ziegler, Ziegler Group © Gerd Ebner

Täte ich es wieder? Ja!


Im Mai 2024 gab Stefan Ziegler dem Holzkurier ein Interview. Es war seine erste und einzige Stellungnahme zu den Schwierigkeiten seines Konzerns. Das war der Schlusssatz.

Neubau zur Eröffnung viel zu klein

Im Oktober 2021 lud die Ziegler Group Fachmedien nach Plößberg. Anlass war die Verkündigung des Baus eines Holzfaser-Dämmplattenwerks. Die Journalisten wurden mit dem Satz begrüßt, dass das wenige Monate alte, preisgekrönte Bürogebäude zu klein sei. „Wir müssen dasselbe nochmal bauen“, hieß es wörtlich von Andreas Sandner, damals Geschäftsführer und rechte Hand von Stefan Ziegler. Und: Obwohl weitere Investitionen von 400 Mio. € im Raum standen, wurde verkündet: „Wir brauchen mehr Einschnittsvolumen.“ Der seinerzeitige Wunsch war ein Sägewerk in der Slowakei – der Deal platzte in letzter Sekunde. Drei Jahre später kaufte Ziegler drei: eines in Rumänien, zwei in Schweden.

2021 kam das Übertreibungsjahr, das der Holzkurier als „Jahrhundertjahr“ titulierte. Der Ziegler-Jahresüberschuss schnellte von üblichen rund 15 Mio. € (Gewinnmarge: 5 %) auf 92 Mio. € (Gewinnmarge: 22 %).

2021 Kalkulationsbasis für Folgejahre

Während andere Unternehmen Rücklagen bildeten, ging Ziegler erst recht in die Vollen. Alles, was nun folgte, war fast surreal. Es schien, als kalkuliere Ziegler, dass sich 2021 in allen Folgejahren wiederholen würde. Und: Er schaffte es, diese Marktsicht den geldgebenden Banken zu vermitteln. Zehn Banken fanden sich im August 2021 zu einem Konsortium zusammen, das der Ziegler Group 650 Mio. €, samt Zinsen sogar 688 Mio. € bereitstellte.

In der Insolvenz waren es dann gar 680 Mio. €, die der Insolvenzverwalter mit „festgestellt für den Ausfall in voller Höhe“ abstempelte. Wie es Ziegler gelang, an so viel Geld zu kommen, kann wohl nur bedeuten, dass es keine risikoadäquate Prüfung gab.

Forecasts geglaubt, Weltkrisen ignoriert

Niemand bei den Banken schien die Fortschreibung der 2021/2022er-Traumzahlen hinterfragt zu haben. Solche Ausnahmesituationen lassen sich nicht jährlich wiederholen. Die Banken glaubten den Forecasts Zieglers bis 2023: Es gehe so weiter wie 2021 und 2022. Und dass obwohl seither der Ukraine-Einmarsch, Zinserhöhungen und explodierende Energiekosten als Negativfaktoren hinzukamen.

Traumpreis bezahlt

2023 wurde dann der Konsortialkredit nochmals erhöht. Nun kam die Deutsche Bank „late to the party“ noch dazu, während zeitgleich die Bank für Tirol und Vorarlberg das Konsortium verließ. Der Konsortialvertrag wurde 2023 um den Hinweis „Beitrittserklärung Rumänien“ ergänzt. Es ging um die Finanzierung des Erwerbs des HS Timber-Sägewerks in Sebes/RO. Im August 2023 überwies Ziegler laut PWC-Verkaufsunterlagen 215 Mio. € an HS Timber. Ein Preis, der damals schon als weit überhöht eingestuft wurde. Am 12. November 2025 erwarb nun Kronospan das Sägewerk in Sebes für kolportiert ein Drittel dessen.

Der 2022 erfolgte Kauf zweier Sägewerke in Schweden war noch extremer.: Nicht wegen des Kaufpreises, sondern in Relation zu Alter und Wert der übernommenen Anlagen. Kaufpreis: 113 Mio. € laut PWC-Verkaufsunterlage.

„Alles“ geleast

Anfang 2024 belasteten nicht nur die 650 Mio. € aus dem Konsortialkredit die Unternehmensgruppe. Die Prüfer identifizierten laut Oberpfalz-Medien zusätzlich rund 300 Mio. € Leasingverbindlichkeiten. Ein erheblicher Teil der Anlagen, Immobilien, Grundstücke und Maschinen war zuvor verkauft und zurückgeleast worden. Sale-and-Lease-Back ist in der Holzbranche nicht unüblich. Hier erfolgte es jedoch in einem anderen Maßstab: „Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde geleast“, meinte ein Gesprächspartner gegenüber dem Holzkurier.

Einschließlich weiterer Kreditpositionen summierten sich die Verbindlichkeiten damit auf nahezu 1 Mrd. €.

Keine Finanzkontrolle

Im Rahmen der Sanierungsverhandlungen mit den Banken wurde, auf Druck der Banken, vereinbart, dass externes Management geholt werden muß. Zuerst kam im Juli 2024 ein Sanierungsexperte (= CRO Chief Restructuring Officer). Dieser wiederum entschied sofort, auch einen Finanzvorstand (CFO) mit Unterstützung der Banken zu engagieren.

Das Scheitern des Verkaufs des Dämmstoffplattenwerkes kurz vor der Unterschrift verschlechterte dann die Situation deutlich. Mit dem Verkauf wären die Chancen einer Rettung deutlich positiver gewesen. Zudem waren die negativen Auswirkungen der Baukrise stärker als geplant mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die Verkaufserlöse und höhere Rohstoffpreise (Rundholz).

Bankenrückzug war das Ende

Der Sanierungsplan, der auch mit den Banken abgestimmt war, sah vor, sich von kernfernen Unternehmensteilen und Assets zu trennen und sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Dafür gab es einen klaren Fahrplan, was bis wann verkauft werden sollte und diverse Projektteams. Der Rückzug der Commerzbank per Telefonkonferenz kam für alle Beteiligten, auch die anderen Konsortialbanken, im November 2024 sehr überraschend, heißt es von Insidern. Ab diesem Zeitpunkt war man in der Notgeschäftsführung und die Insolvenz kaum noch abwendbar.

So viel Geld, aber nichts für Plößberg

Es ist verwunderlich, warum Ziegler so leicht zu so viel Geld kommen konnte. Mindestens ebenso verwunderlich ist, warum konträr dazu im Herz des Unternehmens so wenig investiert wurde. Die Sägewerksanlagen in Plößberg sind alt. Fünf Linien, die – obwohl meistens gebraucht gekauft – seit Jahrzehnten laufen, sind nicht effizient. Mit vergleichsweise wenig Mitteleinsatz wäre das zu beheben gewesen. 0 € für Plößberg, aber 150 Mio. € für Holzfaserdämmplatten – das war der Spagat, der das Gesamtkonstrukt schwächte.

Alleine ein Investment in weitere Trocknungskapazitäten hätten im Verkauf deutliche Entspannung gebracht. Der hohe Anteil ungetrockneter Ware machte unflexibler und billiger. Noch günstiger wurde es für die Käufer, als der Liquiditätsdruck immer größer wurde. Das Aushungern des Kerngeschäfts beschleunigte die Abwärtsspirale.