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Symbolbild © shutterstock.com /Andrii Yalanskyi

Jahresrückblick 2020

Alles außer gewöhnlich!

Ein Artikel von Günther Jauk | 07.01.2021 - 07:14

Spätestens mit dem ersten Corona-Lockdown im März machte sich wohl jeder Marktteilnehmer darüber Gedanken, wie sich die Folgen der Pandemie auf sein Unternehmen auswirken könnten – man bereitete sich auf das Schlimmste vor. Kaum ein Nadelholzsäger, BSH- oder KVH-Hersteller rechnete im Frühling ernsthaft mit einer derart positiven Entwicklung in der 2. Jahreshälfte. Bis Dezember stieg der Holzkurier-Absatzindikator auf 114,5 % und damit auf den höchsten Wert seit der Einführung vor 15 Jahren (s. Beitrag Höchster Absatzindikator erreicht). Eine hohe Nachfrage am Binnenmarkt, fehlende Rund- und damit Schnittholzsortimente sowie der boomende US-Markt ließen und lassen die Preise in ungeahnte Höhen steigen. Nicht ganz so positiv, aber immer noch gut entwickelte sich der Brettsperrholz-Markt – hier kam es aufgrund zahlreicher internationaler Großprojekte immer wieder zu Verschiebungen.

Vollkommen anders gestaltet sich die Situation der Laubholzsäger. Mit dem Einbruch des Exportgeschäftes – vor allem in Richtung Asien – sind zahlreiche Unternehmen negativ von der Coronakrise betroffen. Für 2020 rechnet man in Deutschland mit einem rund 20 % geringeren Laubholzeinschnitt, in Österreich dürfte das Minus bei 12 % liegen.

In zwei Monaten mehr Investitionsankündigungen in Mitteleuropa als in den 15 Jahren davor.


Schadholz beherrschte Märkte

Noch deutlich länger und nachhaltiger als die Coronapandemie werden die Branche die Folgen des Klimawandels beeinflussen. Besonders in tieferen Lagen wird es für die Fichte in Mitteleuropa zunehmend eng, was kurz- bis mittelfristig zwar zu einem Angebotsüberhang, mittel- bis langfristig allerdings zu Versorgungsengpässen der Holzindustrien führen dürfte. Allein Deutschland meldete in den vergangenen drei Jahren 177 Mio. fm Schadholz – ÖBf-Vorstandssprecher Rudolf Freidhager berichtete Anfang Dezember von abermals 80 % Schadholzanteil bei den Österreichischen Bundesforsten. In Tschechien könnten die Fichtenbestände in wenigen Jahren sogar komplett verloren sein.

Die österreichischen Holzindustrien nutzten das Angebot in den Nachbarländern und importierten in den ersten neun Monaten 2020 um fast 1 Mio. fm mehr Nadelrundholz als in der Vorjahresperiode – über 80 % davon stammten aus Deutschland und Tschechien. Am Ende des Jahres ging das Schadholzaufkommen allerdings deutlich zurück, was zu steigenden Rundholzpreisen und zu Versorgungsängsten einzelner Säger führte.

Der österreichische Nadelrundholz-Einschnitt lag 2020 mit 15,7 Mio. fm auf Vorjahresniveau (s. Seite 13).

Investitionsflut

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Schnittholz Stapel Nadelholz © Martina Nöstler

„In zwei Monaten gab es in Mitteleuropa mehr Investitionsankündigungen als in den 15 Jahren davor“, schrieb der Holzkurier mitten in der ersten Coronawelle Ende März. Im Sägewerksbereich wird die Einschnittkapazität bis 2023 um über 5 Mio. fm/J zulegen. Neben einigen Ausbauten sind hierfür auch mehrere Neubauten verantwortlich. Bereits im Frühling 2020 startete das 2018 gegründete Unternehmen Labe Wood im tschechischen Štetí den Einschnitt – im Vollbetrieb soll der Rundholzverbrauch bei 1 Mio. fm/J liegen. Im Juni erhielten die Handlos-Holzwerke endgültig grünes Licht für den geplanten Sägewerksneubau im oberösterreichischen Summerau. Mit einem Spezialsägewerk möchte man künftig ausschließlich für die eigene Weiterverarbeitung produzieren – die geplante Einschichtkapazität beziffert Herbert Handlos im Holzkurier-Interview mit 100.000 bis 120.000 fm/J. Gleich zwei bestätigte Sägewerksneubauten gibt es in Deutschland. In Wunsiedel nehmen die GELO Holzwerke gemeinsam mit Holzwerke Bullinger gerade das Schwachholzsägewerk GELO Timber in Betrieb. Die geplante Einschnittkapazität liegt bei 350.000 fm/J – das erzeugte Schnittholz wird nahezu zu 100 % in die Leimholzwerke von GELO und Bullinger gehen.

Ein weiteres Sägewerk für den Eigenbedarf baut Best Wood Schneider. Im süddeutschen Meßkirch plant das Unternehmen die Errichtung eines Standortes mit 200.000 m³/J Schnittholzoutput – gleich daneben baut die Holzindustrie ein 100.000 m³/J-Brettsperrholz-Werk. Der Montagebeginn des Sägewerks ist für Sommer 2021 anberaumt. Nicht bestätigt wurde bislang der Sägewerksneubau von Mercer in Stendal.

Der Großteil der Sägewerke wird für den Eigenbedarf errichtet.


In der Schweiz plant die Tschopp Holzindustrie mit einem Sägewerksneubau die größte Investition der 100-jährigen Unternehmensgeschichte. Nach der avisierten Inbetriebnahme 2023 soll der Einschnitt 135.000 fm/J betragen und sich Schritt für Schritt erhöhen lassen. Hinzu kommen zahlreiche Ausbauten: Die Hasslacher-Gruppe nahm 2020 am Standort Preding eine neue Sägelinie in Betrieb, Binderholz startete indes im deutschen Oberrot am ehemaligen Klenk-Standort eine neue Linie. Im 1. Quartal 2021 soll die Inbetriebnahme eines Spaners der Rettenmeier Holding in Wilburgstetten/DE folgen. Alle drei Anlagen verfügen über eine jährliche Schichtleistung von 500.000 fm/J (Holzkurier-Schätzung bei Binderholz).

Doppelte BSP-Kapazität

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Archivbild © Martina Nöstler

Mit neuen BSP-Werken stiegen 2020 Theurl Austrian Premium Timber in Steinfeld im Drautal sowie die Pfeifer Group im hessischen Schlitz in die Branche ein. Im Endausbau sollen beide Anlagen 100.000 m³/J ausstoßen können. Bereits 2019 startete Ante-Holz am Hauptsitz in Bromskirchen-Somplar/DE mit zwei Vakuumpressen eine Brettsperrholz-Produktion. 2021 soll in Berga nahe dem Ante-Standort Rottleberode ein 100.000 m³/J-Werk in Betrieb gehen.

Die Hasslacher-Gruppe nahm 2020 am Standort Magdeburg eine Kombinationsanlage für BSH und BSP in Betrieb. Ebenfalls noch 2020 startete KLH einen zweiten Standort in Wiesenau bei Bad St. Leonhard.

In wenigen Jahren wird sich die BSP-Kapazität in Mitteleuropa auf 2 Mio. m³/J erhöhen.


Zudem kündigte Mayr-Melnhof 2019 eine Großinvestition am Stammsitz in Leoben an. Von insgesamt 200 Mio. € sollen 130 Mio. € in ein Brettsperrholz-Werk fließen. Im Vollausbau möchte man in Leoben bis zu 140.000 m³/J produzieren. Bestätigt wurde 2020 auch der Bau des vierten BSP-Standortes von Stora Enso im tschechischen Ždírec. 120.000 m³ soll die jährliche Produktionskapazität betragen – der Start ist im 3. Quartal 2022 geplant.

Bereits im 1. Quartal 2022 möchte I. van Roje & Sohn Sägewerk und Holzhandlung in Oberhonnefeld-Gierend ein BSP-Werk mit 75.000 m³ in Betrieb nehmen. Das vierte bestätigte Großprojekt ist jenes von Best Wood Schneider.

Rechnet man die zusätzlichen Kapazitäten 2020 sowie die fix angekündigten Projekte zusammen, so belaufen sich die Mehrmengen auf rund 900.000 m³ in der DACH-Region und in Tschechien. Hinzu kommen die wohl noch nicht voll ausgefahrenen Mengen der 2019 neu in Betrieb gegangenen oder massiv ausgebauten Standorte der Derix-Gruppe, von Schilliger oder Binderholz. Daraus ergibt sich in den kommenden Jahren ein möglicher Jahresausstoß von rund 2 Mio. m³ und damit doppelt so viel wie heute.

Neue BSH-Linien

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BSH Symbolbild © Martina Nöstler

Im BSH-Bereich kündigten 2020 drei deutsche Holzindustrien Investitionen an: Die Rettenmeier Holding möchte 2021 am Thüringer Standort Hirschberg in eine KVH-/BSH-Produktion starten. Die Neuinvestition ist auf eine Kapazität von 80.000 m³/J KVH- und BSH-Listen- und -Stangenware im Zweischichtbetrieb ausgelegt. Die Holzwerke Ladenburger erweitern bis 2022 am Standort Bopfingen/DE ihre BSH-Produktion um ein weiteres Werk und die Holzwerke Bullinger investieren am Standort Abtsgmünd in eine neue BSH-Linie.

Mit dieser positiven Entwicklung im 2. Halbjahr hat kaum ein Leimholzhersteller gerechnet.


Im Fertighausbereich ließ die Ziegler Group mit einem Megaprojekt aufhorchen. In Tirschenreuth in der Oberpfalz möchte die Holzindustrie in den kommenden Jahren 220 Mio. € in ein Fertighauswerk samt Verwaltungsbereich und Musterhauspark investieren. Langfristig möchte Ziegler mit dem Brancheneinstieg den Marktanteil der Fertighausbranche in Deutschland von derzeit knapp 25 % auf 50 % anheben.

Echte Nachhaltigkeit

Möglich werden diese zahlreichen Investitionen durch einen nie dagewesenen Holzbauboom. Immer mehr Investoren und Entscheidungsträger erkennen die ökologischen und technischen Vorteile des Baustoffes und planen in Holz. Sollte die Bauwirtschaft in den kommenden Jahren unter den Folgen der Coronapandemie leiden, halten Experte einen Zuwachs des Holzbausektors dennoch für möglich. Damit dieser Megatrend Holzbau allerdings langfristig bestehen kann, müssen alle – vom Forst über die Industrie bis hin zum Holzbaubetrieb – gut davon leben können.

Mit dem Markteintritt der Ziegler Group soll sich der Marktanteil der Fertighausbranche verdoppeln.