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Casa SG-Studio "tutti architetti", Catania - gewagter Eingriff in sensible Bausubstanz © Tutti Architetti

Mediterrane Melancholie

Ein Artikel von Georg Binder | 19.04.2017 - 07:53

Entlang der sich in Richtung Meer windenden Stadtautobahn liegt Palermos Industriezone „Ugo La Malfa“. Dort, wo in leerstehende Industriehallen immer mehr Diskonter einziehen, sitzt der Holzbetrieb Lo Castro – ein Familienunternehmen in dem Vater, Sohn und zwei Schwestern seit Jahrzehnten gemeinsam tätig sind.

Alles war bereit

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Marcello Lo Castro, Palermo: sorgenvoller Blick im Glanz der Goldenen Fichte © Georg Binder

Melancholisch führen die Geschwister Gabriella und Marcello Lo Castro durch die Hallen. Sie zeichnet verantwortlich für das Projektgeschäft im Holzbau, er kümmert sich um den Handel. Alles war vor Jahren für den sich abzeichnenden Trend zum Holzhaus aufbereitet. Mit der „Progetto ElleCi“ wurde ein Beratungszentrum für Bauherren und Planer geschaffen, das den bestehenden Holzhandel ergänzte. Dann kam die Krise, die Kunden blieben aus.

Umbau und Sanierung

„Wir leben heute wieder von kleineren Arbeiten“, erklärt Gabriella, „eine Cafeteria auf dem Spitalsdach, die Erweiterung einer Sommervilla im Strandort Mondello sowie kleinere Überdachungen und Anbauten. 90 % unserer Aufträge betreffen Sanierung und Umbauten“, bilanziert sie.
Der soeben fertiggestellte Auftrag der Pfarre San Giuseppe in Terni, Umbrien, für ein neues Holzdach gilt dabei als wertvolle Ausnahme. „Bei kleinen Arbeiten mit Holz tendiert der Sizilianer zum „fai da te“, also zum Selbstbau – meistens der Beginn einer Katastrophe“ ärgert sich die Unternehmerin.

Ohne Arbeit kein Haus

„Wer gründet eine Familie und baut ein Haus, wenn er keine Arbeit findet? Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt bei uns mehr als 40 %. Viele Wohnungen stehen leer, da die Jungen weggehen – und wer weiß, ob sie je wiederkommen“, befürchtet Marcello nichts Gutes für die Zukunft. Seine Kinder studieren in Mailand und bald in London. „Wenn du ständig in einer Gruppe bist, die Grippe hat, dann bekommst du sie auch irgendwann“, beschreibt der Unternehmer seinen Gemütszustand.

Ritter der Korruption

„Leider sind wir in den Händen einer Kaste von Politikern und Beamten, die Italien kaputt macht“, ist Lo Castro desillusioniert. Als Beispiel nennt er Roberto Helg, 78-jähriger Unternehmer und Präsident der Wirtschaftskammer in Palermo sowie Vizepräsident der Flughafenbetreibergesellschaft GESAP. Der Cavaliere dei Lavoro (italienischer Titel „Ritter der Arbeit“, bei uns „Kommerzialrat“) sitzt nun für fünf Jahre im Gefängnis, rechtskräftig verurteilt für die Annahme von 100.000 € im Zusammenhang mit der Geschäftsvergabe am neu adaptierten Flughafen Falcone e Borsellino.

Felsen der Spekulation

Marcellos Gedanken schweifen in die nahe Ferne, gerade einmal 160 km Luftlinie entfernt. „In Malta sieht es aus wie in Dubai vor zehn Jahren: Krane, Krane und wieder Krane“ berichtet er von seinem Besuch auf der Nachbarinsel. Maltas BIP-Wachstum von 4 %, getragen vom Wohnungsneubau, bereitet ihm feuchte Augen. Was besitzt Malta, was in Sizilien nicht in noch besserem Ausmaß vorhanden wäre? Eine gute Frage.

Versäumnisse im Lobbying

Lo Castro ortet große Versäumnisse im Holzlobbying. „Wie kann es sein, dass die Errichtung von Glashäusern aus Metall von der Region steuerlich begünstigt ist? Oder dass Holzpellets in einen deutlich höheren Steuersatz fallen als andere Energieträger? Dass Holzkisten für Obst- und Früchte aus Hygienevorschriften gegenüber Kunststoff benachteiligt werden?“ Er sieht viele dringende Aufgaben für die neue Verbandsführung der FederlegnoArredo in Mailand.

Paradies erlebt

Enzo Micali, Emco Holzhandel in Catania, erinnert sich mit Wehmut. „Im Laufe meiner 55-jährigen Tätigkeit habe ich im Holzhandel auch paradiesische Zustände erlebt.Es gab Zeiten, in denen ich mehr als 200.000 m3/J verteilte. Ich schaffe gerade noch 40.000 m3/J. Dem Süden fehlt die Perspektive für die Zukunft, das ist das Schlimme.“

Tourismus als Hoffnung

Siziliens Wirtschaft könne einzig wieder über den Tourismus in Schwung kommen, sind sich Lo Castro und Micali sicher. Die Zahl der nach Sizilien kommenden Touristen stieg 2016 um 26 % gegenüber dem Jahr 2015. Palermo, geschmückt mit dem Titel der diesjährige Kulturhauptstadt Italiens, sowie der G7-Gipfel im Mai in Taormina gelten als Impulsgeber.

Die Stadt, die keine ist

Vincenzo Melluso, Professor für Stadtgestaltung an der örtlichen Universität, analysiert Palermo als Stadt, die zugleich keine Stadt ist: widersprüchlich, konfus, verlassen und bewohnt, dicht urban und auch ländlich. Neue Technologien, wie der Holzbau, könnten helfen, diese Stadt neu zu transformieren. Sensibilität ist dabei gefordert.

promo_legno zeigte Möglichkeiten

Möglichkeiten dazu zeigte proHolz Ende März in dem Seminar „Holz im Mittelmeerraum“ in Palermo und dem Fachkurs„Häuser aus Holz“ in Catania auf. Unter der Marke promo_legno wurden rund 150 Planer anhand konkreter Beispiele informiert, begleitend waren vier Sponsoren präsent.

Mittlere Spannweiten

Laura Navarra, umtriebige, auf Holzbau spezialisierte Ingenieurin des Studio Panormus in Palermo, zeigte den Einsatz verleimter Holztragwerke mittlerer Spannweiten, die Überdachung eines Vorraums des Zentralbahnhofs in Messina sowie die Erweiterung einer Dachkonstruktion des Kinotheaters Marconi in San Cataldo bei Caltanissetta.

Holz auf Lava

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Casa SG-Studio "tutti architetti", Catania - gewagter Eingriff in sensible Bausubstanz © Tutti Architetti

Über einen mutigen Eingriff in eine bestehende Baulücke referierte Vincenzo Giusti von „tutti architetti“ in Catania. Auf ein eingeschossiges Gebäude aus Lavagestein wurde ein in Rahmenbauweise errichteter, lang gezogener Baukörper gesetzt. Holz wurde aufgrund seiner Leichtigkeit gewählt. Eine Fassade aus lokalem Kastanienholz hebt die Wertigkeit des Eingriffes hervor.

Einfach spanisch

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© Tutti Architetti

In schlüssiger Weise zeigte Architekt Xavier Ros von HArquitectes, Barcelona, Projekte mit Holz. Das Studio arbeitete bereits früh mit X-Lam. Vom Einfamilienhaus bis zuletzt zum fünf geschossigen Forschungszentrum der unabhängigen Universität Barcelona (UAB) reichte sein Projektbogen.