Die Auswirkungen der Klimakrise spürt man vor allem auch in der Holzindustrie. Die klimatischen Bedingungen führen insbesondere in der DACH-Region zu einer deutlichen Verschlechterung des Waldzustandes. In Deutschland weist nur noch etwa jeder fünfte Baum keine Kronenschäden auf. Eine Verknappung der Ressourcen ist die Folge. Vor diesem Hintergrund wird der Kreislaufwirtschaft in der Holzindustrie und auch branchenübergreifend ein großes Potenzial zugeschrieben.
Damit beschäftigt sich aktuell ein Forschungsprojekt der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (Mosbach) und der Universität Trier. In die Ergebnisse flossen die Aussagen von mehr als 200 Unternehmen aus der be- und verarbeitenden Industrie.
Einhellige Meinung zur Kreislaufwirtschaft
Hinsichtlich der Bedeutung der Kreislaufwirtschaft für das jeweilige Unternehmen aus der Holzindustrie zeigt sich ein heterogenes Bild. Für knapp die Hälfte der befragten Unternehmen stellt die Integration der Kreislaufwirtschaft in das eigene Geschäftsmodell ein Ziel von höchster Bedeutung dar. 90 der am Projekt teilnehmenden Unternehmen teilen die Einschätzung, dass die Kreislaufwirtschaft mit besonderen Wachstumschancen verbunden ist. Zwölf Studienteilnehmer gehen sogar davon aus, dass die Kreislaufwirtschaft das aktuelle Geschäftsmodell ersetzen wird. Hierbei handelt es sich vornehmlich um Betriebe aus der Holzwerkstoff- und Fertighausindustrie.
Divergenz bei Haupt- und Nebenprodukten
Ein Unterschied in der Umsetzung der Kreislaufwirtschaft zeigt sich vor allem zwischen Haupt- und Nebenprodukten. Mehr als die Hälfte der Unternehmen beschafft recyclingfähige Rohwaren für Hauptprodukte. Demgegenüber beschafft gerade mal ein Drittel Nebenprodukte, die eine Recyclingfähigkeit der Hauptprodukte sicherstellen. Im Rahmen der Produktionstätigkeiten wurde untersucht, inwieweit Hauptprodukte aus Recyclingmaterialien (wie beispielsweise Sägenebenprodukten oder Industrierestholz) hergestellt werden. Dabei zeigt sich eine Polarisierung. Auf der einen Seite betreibt jeweils rund ein Viertel der Unternehmen Downcycling oder Recycling sowie etwa 15% Upcycling. Auf der anderen Seite schließen viele Befragte derartige Aktivitäten aus. Beim Downcycling und Recycling sind es jeweils etwa 60 %, in Bezug auf Upcycling sogar mehr als 70 %.
Trennbarkeit als Voraussetzung
Um eine vollständige Kreislaufwirtschaft zu erreichen, sollten die Produkte nach einem ersten Nutzungszyklus durch eine Trennbarkeit in einzelne Komponenten wiederverwendet werden können. In etwa einem Drittel der befragten Unternehmen, vor allem aus der Fertighausindustrie, werden die Hauptprodukte bereits so konzipiert, dass eine Separierbarkeit am Ende des Lebenszyklus des Produktes gewährleistet ist. Ein weiteres Element der Vertriebssteuerung ist die Entwicklung von Rücknahmeprozessen zur Rückgewinnung der verkauften Produkte. Hierbei handelt es sich um komplexe Anforderungen, die von knapp 10 % der Unternehmen bereits erfüllt werden. Besonders weitreichend sind die Aktivitäten von 15 Unternehmen, vornehmlich aus der Fertighaus- und Verpackungsindustrie, die sogar Rücknahmeverpflichtungen gegenüber ihren Kunden eingehen. Sofern eine Rücknahme der Produkte von den Unternehmen angeboten wird, besteht ein nächster Schritt darin, den Kunden Cashback-Konzepte anzubieten. Zehn Unternehmen aus der Stichprobe haben solche Leistungen bereits implementiert. Die Speicherung und Weitergabe von Daten stellt einen wichtigen Faktor dar, um über Wertschöpfungsstufen hinweg zirkulär agieren zu können – findet in der Unternehmenspraxis jedoch noch wenig Anklang.
Unternehmensziele im Kontext der Kreislaufwirtschaft
Mit der Umsetzung zirkulärer Geschäftsmodelle sind vielfältige Ziele verbunden, die in der Analyse ein fragmentiertes Gesamtbild ergeben. Die wichtigsten Ziele waren die Erfüllung gesetzlicher Anforderungen, die Verbesserung der eigenen Reputation sowie die Verbesserung der Versorgungssituation. Wenig Zustimmung fand das Ziel, durch Zirkularität Vorteile bei der Unternehmensfinanzierung zu erzielen.
Eigeninitiative derzeit noch größter Treiber
Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass nur wenige Stakeholder einen starken Einfluss auf die Unternehmen in puncto Kreislaufwirtschaft ausüben. Der Einfluss der Eigentümer und des Gesetzgebers ist dabei noch am größten. Auffällig im Hinblick auf den Stakeholder-Effekt ist der geringe Druck, der vom Finanzsektor ausgeht. Das könnte sich angesichts der Einführung beziehungsweise der Ausweitung der EU-Taxonomie in den kommenden Jahren aber ändern.
Darüber hinaus zeigt sich eine Pfadabhängigkeit in Bezug auf die Zirkularität. Unternehmen, die sich bereits über einen längeren Zeitraum mit ökologischen Nachhaltigkeitsthemen befassen und entsprechende Kompetenzen aufgebaut haben, sind in der Umsetzung der Kreislaufwirtschaft weiter fortgeschritten. Des Weiteren wird deutlich, dass eine schnelle Reaktionsfähigkeit auf Marktveränderungen die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft begünstigt. Diese Unternehmen identifizieren sich ergebende Chancen früher und sind in der Lage, durch gezielte Ressourcenallokation den Veränderungsprozess einzuleiten. Nicht überraschend wird ersichtlich, dass größere und ältere Unternehmen generell bei der Umsetzung der Kreislaufwirtschaft weiter vorangeschritten sind. Ein Zusammenhang mit finanzieller Performance konnte nicht festgestellt werden.
Holz als idealer Kaskadenrohstoff
Die Studie illustriert, dass erste zirkuläre Aktivitäten umgesetzt werden, ganzheitliche Ansätze jedoch bisher noch die Ausnahme sind. Für die Zukunft erwarten die Autoren eine deutliche Zunahme kreislauforientierter Aktivitäten, da Holz als Rohstoff ideale Eigenschaften für eine kaskadische Nutzung aufweist. Dafür bedarf es einer weitergehenden Kooperation über einzelne Wertschöpfungsstufen hinweg sowie logistische Konzepte zur Rückgewinnung der vertriebenen Produkte. Eine umfassende Datenerfassung, -speicherung und -nutzung werden dabei unabdingbar sein.